Laufrad zentrieren______________________________
 
  Nachdem alle Speichen in unserem Laufrad vormontiert sind, geht es nun an die schwierigere Aufgabe, an das Zentrieren des Laufrades. Dazu ist es sinnvoll, sich in Zeit und Geduld zu üben.  
Als nächstes die Werkzeuge, welche vorhanden sein sollten, damit ein ver- nünftiges Arbeiten möglich ist.
1. Der Zentrierständer. Das muß kein superteures Gerät sein. Hier genügt gerade am Anfang ein preisgünstiges Teil voll auf. (siehe links).
  2. Eine Zentrierlehre. Damit wird die Mittigkeit der Felge ermittelt. Bei den teuren Zentrierständern wird die Mitte schon automatisch ermittelt. Das funktioniert auch bei den günstigen Geräten, aber bei weitem nicht so exakt. Deshalb die Zentrierlehre.
   
3. Der Nippelspanner. Hier haben sich meiner Meinung nach die Schlüssel vom Spokey am besten bewährt. Aber "Achtung!" es gibt Speichennippel unterschiedlicher Schlüsselweiten. Dem zufolge auch auch unterschiedliche Nippelspanner, bei den Spokey´s zu erkennen an unterschiedlichen Farben.
4. Speichentensiometer. Zur Überprüfung der optimalen und gleichmäßigen Speichenspannung, Leider sind diese Geräte recht teuer. Daher werden wohl die Wenigsten so ein Meßgerät ihr eigen nennen. Also werden sich die meisten auf ihr Gefühl verlassen müssen.
 
Zentrieren

Als erstes müssen Sie nun die Speichenspannung des Laufrades schrittweise erhöhen und die Felge mittig zu den Achsgegenmuttern zentrieren. Diese Arbeit sollte unter dem Motto "langsam, daß geht schneller" stehen. Damit ist gemeint, daß nicht wild und unkontrolliert an jedem Speichenippel gedreht werden soll, sondern das jeder Nippel möglichst gleich weit auf das Speichengewinde aufgeschraubt werden muß. Daher macht man diese Tätigkeit möglichst schrittweise, also in einzelnen Umläufen, bei denen jeder Nippel beispielsweise mit jeweils einer oder einer halbe Umdrehung angezogen wird. Der Sinn dieses Vorgehens: Sind später alle Speichenippel gleich lang auf das Speichengewinde aufgedreht, ist das Laufrad nahezu schlagfrei. Ungleichmäßig aufgedrehte Nippel hingegen führen zu einen unrunden Laufrad, an dem dann entsprechend länger feinzentriert werden muß.

Mit einem kleinen Schraubenzieher drehen Sie zunächst die Speichenippel soweit auf das Speichengewinde, bis das Gewindeende gerade unter den Nippeln verschwindet. Bitte hierbei sehr exakt vorgehen, denn es erspart viel Zeit beim späteren Feinzentrieren. Anschließend ziehen Sie die Nippel auf der Zahnkranzseite beim Hinterrad noch mit exakt zwei weiteren Nippel-Umdrehungen an, damit das Laufrad annähernd mittig steht. Nun das Laufrad in einen Zentrierständer einspannen und die Mittigkeit des Laufrad überprüfen. Das geschieht bei einigen Zentrierständern automatisch, kann aber auch durch eine Meßlehre gemessen werden. Als Behelf ist dies auch durch eine Peilung möglich: Sie peilen mit einem Auge so an der Felge vorbei, daß sich die vordere und die hintere Felgenkante decken und messen mit einem Maßstab den Abstand dieser Flucht zur Außenkante der Gegenmutter aus. Er muß auf beiden Seiten gleich groß sein.

Ist der Abstand einer Seite größer, so werden hier die Speichen um eine halbe, bei größeren Abweichungen um eine ganze Umdrehung weiter angezogen und wiederum mit einer Messung die Mittigkeit kontrolliert. Und so weiter, bis die Felgenmitte genau zwischen Achsmuttern liegt. Nun gleichmäßig bei jeder Speiche mit jeweils einer halben Umdrehung die Speichenspannung erhöhen. Reicht die Speichenspannung noch nicht aus einen weiteren Durchlauf mit ebenfalls einer halben Umdrehung vornehmen. Als Anhalt für eine hohe Speichenspannung kann ein leicht knarrendes Geräusch dienen, welches sich beim Anziehen der Nippel einstellt. Wer (besserer Fahrkomfort) aus Gründen eine mittlere Speichenspannung bevorzugt, sollte nun die Speichenippel wieder eine halbe Umdrehung zurückdrehen. Und nochmals sei es wiederholt: Je gleichmäßiger hierbei vorgegangen wird und um "runder" läuft das Laufrad bereits.

Feinzentrieren: Es erfolgt nun die bisweilen zeitraubende Tätigkeit des Feinzentrierens.Viele Radler trauen sich gerade an diese Arbeit nicht heran, weil sie glauben, daß dabei mit geheimnisvollen Tricks gearbeitet wird. Dem ist nicht so, die Sache ist im Prinzip sehr einfach: Wird eine Speiche angezogen, so verkürzt sich der Abstand zwischen Felge und Nabe, so daß die Felge a) seitlich zu dem Nabenflansch hin wandert, an dem die Speiche eingehängt ist (Seitenschlag), b) die Felge taucht etwas ab, entfernt sich also aus dem runden Lauf nach innen hin (Innenschlag). Umgekehrt, wenn eine Speiche gelockert wird. Sie wandert dann weg von dem jeweiligen Nabenflansch und bezüglich des Rundlaufes nach außen.

In der Praxis nun sind in der Regel gleich mehrere Speichen nebeneinander "zu locker" oder "zu fest", so daß sich der Schlagbereich über mehrere Nippellöcher hinzieht. Dann werden im Bereich des Schlages auch mehrere nebeneinander liegende Speichen angezogen oder gelockert. Und das ist bereits alles. Auch routinierte Profis machen nichts anders, sie besitzen lediglich ein Feingefühl dafür bei welcher Speichenspanung und Felgensteifigkeit die Speichen um wieviel halbe oder ganze Umdrehungen anzuziehen sind.

Doch zurück zu unserem Laufrad. Als erstes wird der Höhenschlag herausgezogen, wobei die bislang erreichte Speichenspannung möglichst erhalten werden sollte. In den Bereichen, in denen die Felge nach innen "schlägt", wird die Speichenspannung beider Speichenseiten um eine halbe Umdrehung gelockert, dort wo sie nach außen "schlägt" entsprechend um eine halbe Umdrehung erhöht. Auch hier ist es ratsam wieder in einzelnen Umläufen zu arbeiten. Ist der Rundlauf auf ca. 1,5 mm hergestellt, geht es an die Seitenschläge.

Um auch hierbei die Speichenspannung zu halten, arbeiten wir mit Anziehen und Lockern. Schlagbereiche nach rechts werden beispielsweise durch "Lockern der Speichen" auf dem rechten Nabenflansch herausgelassen, Schläge nach links durch "Anziehen der Speichen" auf dem rechten Nabenflansch herausgezogen. Beim nächsten Umlauf macht man es dann umgekehrt und lockert bei Linksschlägen die linke Seite und Anziehen der linken Seite bei Rechtsschlägen. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, daß man auf einer Speichenseite bleibt, was etwas schneller geht als mit dem Speichenschlüssel ständig die Seite zu wechseln. In mehreren Umläufen sind auch hierbei die Seitenschläge auf zunächst 1,5 mm zu begrenzen.

Mit dieser Ungenauigkeit von 1,5 mm in Rundlauf und Seitenschlag haben Sie bereits die Norm für Fahrräder unterboten, die in der DIN 79100 für Fabrikneue Fahrräder auf maximal 2 mm begrenzt ist. Für das eigne Fahrrad - vor allem bei sportlicher Nutzung - reichen diese Werte nicht aus, da muß eine Rund- und Seitenschlag-Genauigkeit von unter 0,5 mm angestrebt werden. Dazu wird es jetzt aber erforderlich, daß Höhen- und Seitenschläge sozusagen in einem Arbeitsgang beseitigt werden:

Schlägt ein Felgenbereich nach außen und gleichzeitig nach rechts, so ziehen Sie im Schlagbereich nur die linken Speichen an. Dadurch wird die Felge nach innen gezogen und wandert auch gleichzeitig nach links. Das Gleiche - nur andersherum - wenn ein Außenschlag sowie ein Schlag nach links vorliegt (Anziehen der rechten Speichenseite). Liegt hingegen ein Innenschlag mit einem Schlag nach rechts vor, so werden im Schlagbereich die rechten Speichen gelockert.

Letztlich kann es noch Ungenauigkeiten geben bei denen die Höhe stimmt, aber die Felge beispielsweise nach rechts schlägt. Dann werden einfach die rechten Speichen im Schlagbereich leicht gelockert und entsprechend die linken Speichen angezogen, so daß die Felgenhöhe gleich bleibt. Stimmt hingegen die Seite und beult die Felge nach außen oder innen so werden auch hierbei im Schlagbereich beide Speichenseiten angezogen oder gelockert.

Recken: So jetzt wird noch einmal die Mittigkeit der Felge zwischen den Achs-Gegenmuttern kontrolliert und gegebenenfalls korrigiert und dann kommt ein ganz wichtiger Arbeitsgang: Das Recken des Laufrades. Dazu wird die Nabenachse auf den Boden gelegt (um Beschädigungen von Boden und Achse zu vermeiden legen Sie bitte ein Stück Holz dazwischen), die Felge an zwei gegenüber liegenden Stellen mit den Händen ergriffen und soweit kräftig in Richtung Boden gedrückt bis die unteren Speichen sich gerade entspannen. Das ganze wird nun Speiche um Speiche, also beim 36 Speichenlaufrad 18 mal durchgeführt, so daß jeweils beide sich gegenüberliegende Speichen kräftig gereckt werden. Nun das Laufrad umdrehen und gleichermaßen die Gegenseite recken.

Dieses Vorgehen hat den Zweck die Speichenbögen möglichst eng an die Bohrungen im Nabenflansch anzulegen, ja sie sollen sich dort sogar plastisch eindrücken. Das ist das sicherste Mittel die Speichenbögen auf Druck zu belasten und ein Aufbiegen der Bögen im Fahrbetrieb zu verhindern. Den Sachverhalt und die Problematik von Materialvorbelastung und das "Um die Ecke"-leiten der Speichenkraft hatten wir bereits im Kapitel Speichen erörtert. Weiterhin setzen sich die Speichenippel beim Recken in den Felgenbohrungen oder Felgenösen, so daß gereckte Laufräder in der Regel nicht bereits nach kurzem Fahrbetrieb nachzentriert werden müssen. Das beim Recken deutlich hörbar klingende Knarr-Geräusch, liegt an den geringfügigen Torsionsverdrehungen der Speichen durch das Anziehen der Speichenippel, die nun bei der Entlastung der unteren Speichen zurückfedern.

Übrigens propagieren einige Einspeich-Profis das Anbiegen der Bögen in den Nabenflansch mit einem Gummihammer und auch das Setzen der Speichenippel wird mittels Döpper und Hammer vorgenommen. Zu dieser Tätigkeit ist jedoch ein hohes Maß an Erfahrung und Feingefühl nötig, da ein etwas zu kräftiger Hammerschlag die Bogen zu weit biegt, so daß er sich im Fahrbetrieb wieder aufgezogen wird und das genau soll ja tunlichst vermieden werden. Nach meine Erfahrung legen sich die Speichenbögen durch die hohe Reckbelastung hingegen exakt an den Nabenflansch an - sozusagen mit natürlichem Bogenverlauf.


Nippel sichern

So, nun noch einmal kurz nachzentrieren, denn einige Speichen konnten sich bereits vor dem Recken schon an den Nabenflansch anschmiegen, "längen" sich also weniger durch das Recken und müssen noch etwas in ihrer Spannung korrigiert werden. Das Laufrad wäre Fahrbereit. Im Fahrbetrieb können sich nun beim völligen Entspannen der Speichen (Schlagloch) die Nippel eigenmächtig lockern. Einfachstes Mittel dagegen wäre eine hohe Speichenspannung. Die Erfahrung zeigt aber, daß dies nicht immer ausreicht.

Die sicherste Vorbeugung: Jeweils ein Tröpfchen Schraubenkleber "Mittelfest" zwischen Nippel und Speichengewinde einziehen lassen. Die Speichen lassen sich nach dem Aushärten des Schraubenklebers immer noch "satt-gehend" verdrehen, das eigenmächtige Lockern jedoch wird damit unterbunden. Im übrigen verhindert der Schraubenkleber, das sich mit der Zeit Straßenstaub, Schmutzwasser im Winter Straßensalz per Kapilarwirkung in den Gewindegängen zwischen Nippel und Speichen einnistet. Dort können sie dann im Laufe der Zeit beide Bauteile schier unlösbar miteinander verkitten, so daß ein eventuell nötiges Nachzentrieren mit einem Speichenknaller endet.

Aus dem gleichen Grunde hatte man früher übrigens die Speichenenden vor dem Vernippeln in Leinöl getunkt. Mit dem Ausharzen des Öles erreichte man eine ähnliche Wirkung wie mit dem Schraubenkleber mittelfest. Einige Profimechaniker drücken, ebenfalls als Sicherheit vor dem Nippellockern die Speichenippel vor dem Aufschrauben mit einer Zange leicht oval, so daß eine leichte Klemmwirkung zwischen Speichengewinde und Nippel vorliegt.

Nach 50 bis 100 Fahrkilometer sollte es abermals auf Rundlauf überprüft werden, aber in der Regel "stehen" gereckt Laufräder".

 

Nachzentieren von Laufrädern

Nach einiger Betriebszeit können sich bei den spannungsgeladenen Speichenlaufräder kleine Störungen im Gleichgewicht der Kräfte einstellen, das Laufrad schlägt und muß nachzentriert werden. Wer hier nun frisch und unbedacht ans Werk geht, kann gegebenenfalls mehr Schaden als Nutzen anrichten. Daher zunächst einige grundlegende Gedanken hierzu: Speichen können nicht selbständig festziehen, sondern nur lockern. Das kann durch das oben beschriebene Nippellockern geschehen, oder durch weiteres "Setzen" der Speichen in Nabenflansch und Felgengrund/-Öse. Seiten- und Höhenschläge von gefahrenen Laufrädern sollten daher nur durch "Anziehen" der Speichen heraus zentriert werden.

Sollte nun doch einmal ein Lockern der Speichen nötig sein, um einen Tiefenschlag herauszulassen, so ist dies ein eindeutiges Indiz, daß die Felge in diesem Bereich einen so deftigen Stoß "mitbekommen" hat, das sie plastisch verformt wurde. Den Tiefenschlag durch Speichenlockern zu eliminieren heißt aber nicht anderes, als den übrigen Speichen eine Mehrlast aufzubürden, während die Speichen im Tiefenschlag-Bereich sozusagen nur die Nippel- und Flanschlöcher ausfüllen. Selbst wenn so ein Laufrad wieder rund läuft, ist es durch die ungleich hohe Speichenspannung extrem Speichenbruch gefährdet. In solch einem Fall gibt es daher nur eine sinnvolle Maßnahme: Die Felge muß ausgetauscht werden.

Und noch ein Tip: Korrosion und Schmutz im Spalt zwischen Speichengewinde und Nippel erhöht die Reibung und nicht selten "knallt" eine Speiche beim Zentrier-Versuch. Aus diesem Grunde sollten Sie bei Laufrädern mit langer Betriebszeit oder korrodiertem Aussehen die Speichenippel zunächst lösen und erst dann nachspannen.